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BODEN unter den Füßen

  • 27. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Mit dem Kopf schon gedanklich in der Planung für die nächste Woche, fahre ich nach Hause, etwas irritiert, dass ich mich schon wieder gestresst fühle – obwohl ich doch gerade von einem Yoga-Event komme. Außerdem etwas traurig, weil ich eigentlich gern bis zum Schluss geblieben wäre. Die Yogastunde als Teilnehmerin genossen hätte. Und das Mantra-Konzert hätte mir sicher auch gut getan.


Auch wenn das Unterrichten meiner Klasse mir super viel Freude bereitet und ich immer wieder spüre, wie gut mir diese Arbeit tut – jetzt gerade wollte ich einfach nur nach Hause. Und gleichzeitig bin ich genervt, habe keine Lust auf das Abendprogramm mit übermüdetem Kleinkind nach dem Schwimmkurs. Noch viel weniger auf die drei Wäscheständer und das Chaos zu Hause, dem ich mich gerade nicht mehr gewachsen fühle.

Mein Blick wandert über die leuchtenden Rapsfelder. Vielleicht sollte ich hier noch kurz anhalten und Sonne tanken, bevor sie gleich untergeht? Doch da waren sie auch schon vorbei. Tausende Male bin ich den Weg von Wadern nach Losheim gefahren und noch NIE kam ich auf die Idee, vor Nunkirchen links abzubiegen. Doch ohne zu denken, biege ich ab und halte am Seitenstreifen.


Ich schalte Google Maps ein (ja – obwohl ich keine 10 Minuten von zu Hause entfernt bin) und suche nach einem Waldweg, um einfach kurz spazieren zu gehen. Da entdecke ich auf der Karte einen See. Ein paar hundert Meter weiter links.


Ich weiß nicht warum – aber da muss ich hin.

Also parke ich eine Minute später mein Auto am Weiher, ziehe meine Schuhe ausm und spaziere barfuß durchs Gras am Ufer…


Ein tiefes Einatmen.

Ein langes seufzendes Ausatmen.

Mein Nervensystem beruhigt sich.


DAS ist es, was ich immer wieder brauche: alleine, barfuß am Ufer stehen, das glitzernde Wasser bestaunen und das leuchtend saftige Grün der Blätter in mich aufnehmen. Es tut so gut.


Ich setze mich auf eine Bank und plane gedanklich weiter die Inneneinrichtung meiner neuen Kursräume. Ob ich die Idee mit den Stoffbahnen an der Decke weiter spinne?! Holzpaneelen wären auch echt toll an der Wand – auch akustisch. Im Ikea find ich doch bestimmt eine Mini-Küchenzeile in die Spülmaschine UND Kühlschrank passen!?


Ein älterer Herr spaziert mit seinem Hund am anderen Ufer entlang. Und mir wird ganz warm ums Herz, einfach so da zu sitzen und zuzuschauen. Als er auf Höhe meines Autos ist, fallen ihm meine Schuhe auf. Er schaut sich um, legt die Hand schattenspendend an die Stirn und ruft: „Hey! Hast deine Schuhe verloren?!“

Ich schmunzele. „Ja, ich weiß! Ich bin gerne barfuß!“

Er versteht mich nicht und kommt näher.


Ich rufe nochmal:

„Ich liebe es, den Boden unter meinen Füßen zu spüren!“

Er schaut mich freundlich an, setzt sich neben mich auf die Bank und sagt:

„Ja jaa… wenn man den Boden unter den Füßen verliert… das ist nix.“


Wir schauen aufs Wasser und dem Hund zu, der sich genüsslich im Gras wälzt.

Ein kleiner Buchfink setzt sich erst hinter, dann neben uns auf den Baum.

„Jeden Tag springt der hier rum…“ sagt er ,„ist ein Buchfink… siehst du das Rot vorn?“


Und so plaudern wir über Eisvögel, die hier am See brüten, über Nilgänse, die die Enteneier zertrampeln, und über Wasserratten und Biber, die einen ganzen Baum fällen – nur um an einen kleinen Apfel zu kommen.


Ich genieße dieses Gespräch so sehr und denke an meinen Opa Schorsch, der schon über 20 Jahre nicht mehr lebt. Er hatte Vogelvolieren und hätte wohl genauso hier mit mir gesessen und mir voller Begeisterung jede Vogelart erklärt.


„So, Mädchen… ich muss los. Auf einen Geburtstag. Wobei ich ja Ruhe viel lieber mag. Aber was willste machen…“


Er legt eine Hand auf meine Schulter, klopft sanft und lässt sie einen Moment auf meinem Schulterblatt ruhen. Dann geht er und ich schaue ihm schmunzelnd nach.


Eine tiefe Dankbarkeit breitet sich in mir aus.

Danke, dass ich diesem Impuls gefolgt bin und an diesem See gelandet bin.


Einen Moment sitze ich noch dort und lausche den Vögeln, bevor ich mich mit bester Laune auf den Heimweg mache. Keine Spur mehr von genervt oder gereizt sein.


Zu Hause fällt mir ein, dass gestern Opas Geburtstag gewesen wäre.

96 Jahre wäre er geworden. Mir wird ganz warm ums Herz und meine Augen füllen sich mit Tränen, voller Dankbarkeit, voller Freude.


Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr im Leben. Vielleicht nur Momente, in denen wir wieder spüren, dass wir noch Boden unter den Füßen haben. Am besten barfuß. Am See.

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